Sieben Tage, die lange nachwirken
Lars Otte kann das Projekt „endlich erwachsen“ nur wärmstens weiterempfehlen
Lars Otte war gespannt, was ihn da wohl erwarten würde. Ein Hinweis an der Tür der Heidelberger Nierenambulanz hatte ihn auf die Idee gebracht, einmal nachzuhören, was es mit dem Projekt „endlich erwachsen“ eigentlich auf sich hat. Und dann ging alles ganz einfach und ganz schnell: Die nette Dame am Telefon schickte ihm Unterlagen und reservierte ihm schon mal vorsorglich einen Platz beim Grundlagenseminar, das vom 7. bis 14. Oktober auf der Nordseeinsel Norderney veranstaltet wurde. Sogar um die Bahnfahrkarte musste er sich nicht kümmern, die kam eine Woche vor Reiseantritt per Post.
Als Lars die Strecke von Ludwigsburg in den hohen Norden hinter sich gebracht hatte, wurde er im Michels Kurhotel Norderney freundlich empfangen. Dort waren 16 Teilnehmer im Alter zwischen 16 und 22 Jahren zusammengekommen. Fünf Betreuer kümmerten sich um die jungen Damen und Herren. Zum Betreuerstamm gehörte auch Professorin Dr. Gisela Offner aus Hannover, die das „endlich erwachsen“-Programm des Kuratoriums für Dialyse und Nierentransplantation (KfH) zusammen mit Martina Oldhafer entwickelt und konsequent vorangetrieben hat. Dass die meisten Teilnehmer aus dem norddeutschen Raum kamen, spielte eigentlich keine Rolle. „Wir verstanden uns alle gut, und die Gruppe unternahm fast alles zusammen“, spricht Lars Otte von einer homogenen Gemeinschaft.
Mit seiner Erkrankung hat sich Lars schon immer auseinandergesetzt. Diesen September sind es zehn Jahre her, dass er eine Spenderniere erhielt und die kurze Bauchfelldialysezeit beenden konnte. Dennoch war es für den Oberstufenschüler des Lyse-Meitner-Gymnasiums aus Remseck bei Ludwigsburg noch einmal eine neue und gute Erfahrung, sich unter fachlicher Begleitung und gleich betroffenen Alterskameradinnen und -kameraden mit dem Thema intensiv zu beschäftigen.
Ehe morgens allerdings von 9.30 bis 13 Uhr Theorie und Praxis auf dem Tagesplan standen, wurde der Körper um 7.45 Uhr beim Frühsport zunächst einmal in Bewegung gebracht. „Erst dachte ich, was soll denn das? Aber dann fand ich es gut“, meint Lars, der einmal sogar Dehnungs-Übungen aus seinem Taekwondo-Erfahrungsschatz einbringen konnte. Mit Schule hatte der Unterricht in Norderney nichts zu tun. Lars und seine Freizeit-Kollegen fanden es interessant, medizinisches Grundwissen über den Aufbau und die Funktion der Niere zu erhalten. Einmal umringten alle sogar eine echte Schweineniere und konnten ihre chirurgischen Fähigkeiten testen. Warum man immunsupressive Medikamente einnimmt oder warum Blutdrucktabletten geschluckt werden müssen, das wissen Nierenkranke in aller Regel. Dennoch wurde beim Medikamentenunterricht die Wirkung einer Tablette oder einer Kapsel in aller Ruhe und aller Ausführlichkeit erläutert. Lars empfand das als außerordentlich bereichernd.
Viel gebracht hat den jungen Teilnehmern auch der Bereich Bewerbungstraining sowie Informationen über Behindertenrecht und die Möglichkeiten, die ihnen beim Übergang von der Schule zur Ausbildung offen stehen. Das gesamte Alltagsspektrum, einschließlich das Thema Freundschaft und Partnerschaft, kam zur Sprache, ganz abgesehen davon, dass die Grunderkrankung eines jeden Teilnehmers erläutert wurde.
Aber es wurde nicht nur über Themen gebrütet. Nachmittags war Zeit zur freien Gestaltung, und abends gab es immer ein Unterhaltungsprogramm. Das reichte vom Filmabend über Bowlen bis zur Inselrundfahrt.
Ein Ordner, in dem Lars nach Bedarf das eine oder andere Thema nachschlagen kann, konnte mit nach Hause genommen werden. Und natürlich hatte Lars auch eine Menge E-Mail-Adressen und Telefonnummern mitgebracht. Ihren Kontakt untereinander pflegen die Teilnehmer regelmäßig, und schließlich werden sich die meisten wiedersehen, denn „endlich erwachsen“ sieht einige Folgetreffen vor, denn dem Auftaktseminar folgen noch Aufbau- und Elternseminare sowie Workshops.
Das Ziel, als selbstbewusster und eigenverantwortlicher Patient von der Kinder- und Jugendmedizin in die Erwachsenenbetreuung wechseln zu können, kann frühzeitig angesteuert werden. Das Projekt für nierenkranke Jugendliche, ihre Familien sowie Ärzte und Pflegekräfte bietet für Kinder ab 8 Jahre bereits eine Zirkusfreizeit und spricht auch die Kinder in der Übergangsphase zwischen 14 und 15 Jahren mit speziellen Angeboten an.


Kommentar hinzufügen